Grave

Grave

Drama / Horror

Frankreich / Belgien / Italien 2016 F/d 98min

 

Bei einer Vorführung beim Filmfestival in Toronto fielen gleich mehrere Besucher in Ohnmacht – die Veranstalter mussten sogar extra einen Notarztwagen kommen lassen, um die verstörten Zuschauer medizinisch versorgen zu lassen. Anschliessend trafen auch andere Kinos ganz besondere Sicherheitsvorkehrungen und verteilten sicherheitshalber vorab Kotztüten an ihre Besucher. Aber ist „Grave“ wirklich so heftig, wie solche Schlagzeilen vermuten lassen? Natürlich nicht. Auch wenn einem die Schmatzgeräusche beim Abnagen eines Fingerknochens tatsächlich durch Mark und Bein gehen, hat der französische Kannibalenfilm von der deutschen FSK inzwischen völlig zu Recht eine Altersfreigabe ab 16 Jahren erhalten. Julia Ducournau geht es aber auch gar nicht in erster Linie darum, ihr Publikum zu schockieren. Vielmehr erzählt die Regisseurin in ihrem Kinofilmdebüt eine ebenso einfühlsame wie atmosphärische Coming-of-Age-Geschichte, bei der sich die Fleischeslust der Protagonistin nur eben auf eine etwas andere Art als bei ihren Altersgenossen äussert.

 

Auf dem Weg zur Uni, auf der auch schon ihre ältere Schwester Alexia (Ella Rumpf) ebenfalls Tiermedizin studiert, beisst die angehende Veterinärstudentin und überzeugte Vegetarierin Justine (Garance Marillier) versehentlich in ein Fleischbällchen, das sich offenbar in ihren Kartoffelbrei verirrt hat. Während Justine selbst die Sache nicht weiter tragisch nimmt, veranstaltet ihre Mutter (Joana Preiss) einen ganz schönen Terz in dem Autobahnrestaurant. Aber der hat scheinbar auch seinen Grund: Während Justine in der folgenden Woche die teils extremen Initiationsrituale der höhersemestrigen Studenten über sich ergehen lassen muss, wird sie zunächst immer kranker, bis sie schliesslich einen ihr unbekannten Heisshunger auf Fleisch entwickelt. Zunächst lässt sich dieser noch ganz gut mit Schawarma und rohem Geflügelsteak befriedigen, aber dann endet ein missglücktes Bikini-Waxing in einer ganz neuen Interpretation des Begriffs Fingerfood. 

 

Nach „Grave“ wird wohl niemand mehr versuchen, einen Fleischverächter zum Schnitzelgenuss zu verführen – das könnte nämlich leicht tödlich enden! Dabei ist nach der ersten halben Stunde noch nicht einmal klar, dass es sich hier überhaupt um einen Genrefilm handelt – Justines holprige Versuche, sich während der rauen Initiationswoche (die Franzosen stehen in dieser Hinsicht den US-Amerikanern offenbar in nichts nach) in der neuen Umgebung zurechtzufinden, könnten genauso gut auch den Auftakt für ein herkömmliches Coming-of-Age-Drama bilden. Aber dann geht wie gesagt irgendwann das Schmatzen und Knabbern los – und vor diesen Geräuschen gibt es auch dann kein Entrinnen, wenn man sich die Hände vors Gesicht hält, wie es selbst in unserer nur für professionelle Filmeinkäufer und Journalisten freigegebenen Cannes-Vorführung zahlreiche Zuschauer versucht haben (wer nicht viel abkann, sollte also vielleicht besser Ohrenstöpsel mit ins Kino bringen). Ab dieser Wendung nimmt der plötzlich gar nicht mehr vegetarische Horror einen immer absurder werdenden Verlauf hin zu einer ebenso blutigen wie schwarzen Kannibalismus-Komödie – gewürzt mit einem grossen feministischen FUCK YOU!

filmstarts.de