Contratiempo

Contratiempo

Thriller / Krimi

Spanien 2016 Sp/d 110min

Der gerade erst zum spanischen Geschäftsmann des Jahres gewählte Adrián Doria (Mario Casas) steht unter dringendem Mordverdacht, nachdem er gemeinsam mit seiner erschlagenen Geliebten Laura Vidal (Bárbara Lennie) in einem Hotelzimmer entdeckt wurde. Adrián behauptet zwar, von einem Fremden niedergeschlagen worden und während des Mordes selbst bewusstlos gewesen zu sein, aber bei dieser Geschichte gibt es ein Problem: Die Türen und Fenster des Zimmers waren allesamt von innen verschlossen – gäbe es also tatsächlich einen anderen Täter, hätte er den Raum gar nicht verlassen können. An einem späten regnerischen Abend trifft sich Adrián in seiner Luxuswohnung in Barcelona auf Anraten seines Anwalts (Francesc Orella) mit der Aussage-Expertin Virginia Goodman (Ana Wagener), um den Fall noch einmal Detail für Detail durchzugehen. Dabei kommt schnell ans Licht, dass die Wurzeln des Mordes wohl schon zu einem anderen Vorfall einige Monate vor der Tat zurückreichen.

 

Nach seinem sauspannenden Regiedebüt „The Body – Die Leiche“, dessen finale Wendung laut unserer 4-Sterne-Kritik „einschlägt wie ein Paukenhieb“, festigt der ehemalige Drehbuchautor Oriol Paulo („Julia’s Eyes“) seine Stellung als grosse Hoffnung des spanischen Thriller-Kinos: Auch seine zweite Regiearbeit für die grosse Leinwand, „Contratiempo“, erweist sich als perfekt durchdachter Whodunit (oder hier noch besser: „Howdunit“), der wieder so randvoll gestopft ist mit Twists, dass selbst jene Zuschauer, welche die grosse Schlusspointe vorausahnen, in Wahrheit nur einen kleinen Teil des kompletten Rätsels durchschauen. Mit Hilfe einer geschickten Rückblenden-Struktur samt unzuverlässigem Erzähler jongliert Oriol Paulo dabei nicht nur traumwandlerisch sicher mit seinen Überraschungswendungen, sondern zugleich auch mit den Sympathien des Zuschauers - denn genauso wichtig wie die Aufklärung des Mordfalls ist hier erst einmal die Frage, wem zum Teufel man überhaupt die Daumen drücken soll.

 

Je weniger man vorab über den Plot weiss, desto besser – deshalb an dieser Stelle nur so viel: Wenn das Publikum im Finale zu aufbrandender klassischer Musik die Auflösung erfährt, muss man nicht nur die Puzzlestücke in seinem Kopf passend zusammenfügen, sondern auch erst einmal seine Sicht auf die Figuren vollkommen überdenken. Lediglich die Diskussion zwischen Adrián und Virginia verfolgt das Publikum aus einer objektiven Perspektive – alles andere sind Rückblenden, die nicht der Wahrheit, sondern den subjektiv gefärbten Aussagen der Gesprächspartner entsprechen. Vom Effekt und von der Dramaturgie her erinnert das Skript zu „Contratiempo“ damit stark an den Thriller-Klassiker „Die üblichen Verdächtigen“ – und genau wie in dem Kultfilm von „X-Men“-Schöpfer Bryan Singer geht auch hier am Ende alles so säuberlich-perfekt auf, dass einem in der Rücksicht sofort auffällt, wie künstlich ein Drehbuchautor hier die einzelnen Elemente penibel an ihren Platz geschoben hat. Aber was soll’s: Solange man in der Geschichte drinsteckt, macht das Mittüfteln und Mitfiebern trotzdem unheimlich viel Spass.

 

filmstarts.de