Marketa Lazarová

Marketa Lazarová

Historie / Drama / Romanze

Tschechoslowakei 1967 Tschechisch/d 165min

Mikolas (Frantisek Velecký) und sein Bruder Adam (Ivan Paluch) sind zwei Schurken, die für ihren tyrannischen Vater Kozlík (Josef Kemr) Reisende überfallen und ausrauben. Während eines Überfalls nehmen sie einen jungen Deutschen als Geisel. Doch dessen Vater entkommt und berichtet dem König, der keine Räuber in seinem Reich duldet, von dem schrecklichen Überfall. Kozlík weiss um die drohende Gefahr und sendet Mikolas aus, um seinen Nachbar Lazar (Michal Kozuch) unter Druck zu setzen und ihn so als Verbündeten für den bevorstehenden Vergeltungskrieg zu gewinnen. Da sich Lazar jedoch nicht überreden lässt, entführt Mikolas von Rache getrieben kurzerhand dessen Tochter Marketa (Magda Vasaryova), die dem Kloster versprochen wurde. Unterdessen ist Kozlík bereits der Hauptmann des Königs auf den Fersen.

 

Traumhaft-visionär taucht »Marketa Lazarová« tief in ein düsteres Mittelalter ein. In weiten Winterlandschaften, Wäldern und kargen, schmutzigen Burghöfen und Kammern spielt sich die Geschichte um eine Fehde zweier Räuberclans und die junge Marketa, Tochter eines der Räuber, ab. Verkörperung der Unschuld in einem Reigen aus Gier und Rache, soll sie in ein Kloster gehen, wird aber vom konkurrierenden Clan entführt und vergewaltigt, was eine tragische Wandlung ihres Charakters auslöst.

 

Marketa spielt in dieser »Rhapsodie« mit komplexem Plot und unübersichtlichem Personal allerdings fast eine Nebenrolle. Schon zu Beginn des Films erklärt die Erzählerstimme, dass seine Geschichte der Macht des Zufalls folgt, »aufs Geratewohl erzählt, um der Dichtung willen«. Die Ordnung suggerierenden Texttafeln sorgen oft noch für zusätzliche Verwirrung in dem an Zeitsprüngen und Visionen reichen Filmgebilde.

Es ist ein forderndes Werk, ein mehr als zweieinhalbstündiges Monstrum von einem Film, wenn man so will, doch in seiner Kompromisslosigkeit, seinem Reichtum an Formen und Motiven und seiner Bildgewalt ungemein faszinierend. Für seine Verfilmung von Vladislav Vancuras Roman, der wiederum auf Volksmärchen basiert, zog František Vláčil mit Cast und Crew für zwei Jahre in den Böhmerwald. Er wollte keinen Kostümschinken drehen, sondern eine vergangene Welt wiederauferstehen lassen, und das ist ihm gelungen.

Fremd und geheimnisvoll wirken die Bilder wie die Protagonisten dieses Films, ebenso die experimentierende Tongestaltung mit Echoeffekten und asynchronen Passagen. Während auf der Bildebene majestätische Tableaus mit wilder Handkamera wechseln, kombiniert die Musik von Zdenek Liska Chorgesang mit elektronischen Klängen. Derber, blutiger Naturalismus begegnet Mystik, heidnische Rituale kollidieren mit christlicher Symbolik, Action-Szenen mit lyrisch-verwunschenen Passagen. Manches erinnert an Tarkovsky oder auch Orson Welles, doch wenn die Erzählerstimme plötzlich ins Geschehen eingreift, sorgt sie sogar für Momente absurden Humors à la Monty Python. So wuchtig diese halluzinatorische Winterreise inszeniert ist, so offen ist sie für Interpretationen auf verschiedensten Ebenen. Zunächst aber ist »Marketa Lazarová«, vom tschechischen Filmarchiv brillant restauriert, eine aussergewöhnliche ästhetische Erfahrung, die man unbedingt im Kino machen sollte.

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